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Es war an diesem dreimal verfluchten Dienstagnachmittag im November. Ich war gerade dabei, mein Tagebuch zu schreiben und gleichzeitig zu überlegen, was ich mit dem Rest dieses sinnlosen Tages anfangen sollte, als die Tür zu meinem Büro mit einem lauten Knall aufgestoßen wurde, wobei, wie ich später feststellen durfte, eine fast vier Millimeter tiefe Delle entstand.

Vor mir stand Sneider, der alte Antiquitätenhändler. Ich hatte mich schon oft gefragt, wieso ausgerechnet in einem Kaff wie diesem verdammten Bullington City, in dem es noch nicht einmal einen Puff gibt, wieso dort ausgerechnet ein Antiquitätenladen stehen muß. Ich habe mich mit Sneider oft gestritten über diese Frage, aber bei einem Glas Whiskey wurde er dann schnell wieder versöhnlich.

Sneider hatte sich vor mir aufgebaut und starrte mit aufgerissenen Augen auf den zugegebenermaßen nicht sehr aufgeräumten Schreibtisch. Vielleicht hatte er den fast zwanzig Jahre alten Liebesbrief von Rose entdeckt, den ich am Vortag wiedergefunden hatte und der danach wieder irgendwo auf dem Schreibtisch verschwunden war. Ich hatte den ganzen Vormittag danach gesucht. Ich fing an, an der Stelle, auf die Sneiders Blick fiel, rumzuwühlen. Nichts, nur die letzte oder vorletzte Rechnung meines Vermieters. So etwas hatte Sneider noch nie interessiert. Ich wurde langsam neugierig, aber Sneider war im ganzen Dorf bekannt für sein zuweilen seltsames Verhalten. Ich versuchte, ihn einfach zu ignorieren.

Es gelang mir nicht. Ich ging an meine kleine Bar, um die letzten Tropfen Whiskey in mein einziges Glas rinnen zu lassen. Ich wußte, das war das einzige, was Sneider hervorlocken könnte. Er trank jeden Whiskey, selbst dieses ekelhafte Gemisch aus Maschinenöl und Joghurt, das man im örtlichen Drugstore erstehen konnte. Der stechende Geruch der weinigen noch vorhandenen Tropfen stieg mir in die Nase.

Sneider fiel wie ein nasser Sack quer über meinen Schreibtisch. Ein Stapel Papier flatterte auf den Boden und meine letzte Kaffeetasse zersprang nach ihrem Aufprall in so viele Scherben, daß ich sie später trotz aller Mühe nicht mehr zusammenkleben konnte.

Irgendetwas stimmte nicht mit Sneider. Ich fühlte seinen Puls und stellte fest, daß er tot war. Ich weiß, daß ich als Nicht-Mediziner diese Feststellung nicht treffen darf, aber es wiesen so viele Zeichen darauf hin, daß es zumindest nicht auszuschließen war. Die Pupillen hatten sich geweitet und seine Haut wurde langsam tünchweiß. Auch die Fingerkuppen liefen blau an und nicht zuletzt dieses riesige Messer in seinem Rücken.

Ich war nicht mehr imstande, ihn zu einem letzten Wort zu bringen. Vielleicht war es besser so, denn Sneider hätte im Moment seines Todes eher an seine alten Uhren gedacht, als einen Gedanken an den Mörder zu verschwenden und mir stand der Sinn im Moment nicht nach alten Uhren. Ich habe festgestellt, daß viele Menschen die Bedeutung der letzten Worte überschätzen. Die meisten Sterbenden sind nicht mehr ganz bei Trost oder sie plappern von ihrer Familie, als daß sie es für nötig befinden, der Polizei oder sonstwem wertvolle Hinweise zu liefern. Man darf sich noch nicht einmal darüber ärgern. Dora war eine erfreuliche Ausnahme. Als sie vor einigen Jahren erschossen wurde, stammelte sie als Letztes den Namen ihres Mörders. Damit war der Fall ziemlich klar.

     
     
     

Fortsetzung...

Ich machte mich auf den Weg zu Sneiders Laden. Er war in der vierten von fünf Straßen von Bullington City, wenn man diese durchlöcherten Teerdecken überhaupt als Straßen bezeichnen konnte. Ich lebe seit vielen Jahren in Bullington City und kenne die Gesetze der Stadt. Ich bin nicht der Mensch, der sich unnötig Arbeit aufhalst und beschloss, Sneider zu verscharren. Als hätte man ihn herbeigerufen, kam dieser unsympathische Police-Officer in meine Wohnung. Er sah Sneider auf meinem Tisch liegen und blickte mich scharf an.
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